Über Gerechtigkeit und Gemeinschaft: Philipp Witzmann von nebenan.de (#4)

Shownotes

Herzlich willkommen zu „Lifeline“ – dem Podcast, der die inspirierenden Lebensgeschichten außergewöhnlicher Persönlichkeiten beleuchtet. In dieser Episode spricht Host Sachar Klein mit Philipp Witzmann, CEO von nebenan.de.

Philipp berichtet von seiner Kindheit zwischen der DDR und Trier, seiner Leistungsmotivation während der Schulzeit und prägenden Momenten. Er erzählt, wie er sich nach einem Studium der Politikwissenschaft und Betriebswirtschaft für eine erfolgreiche Karriere im Vertrieb bei Vodafone und Rocket Internet entschied und wie er nun als CEO bei nebenan.de gegen die Einsamkeit kämpft.

Ein Gespräch über Gerechtigkeit, Wasserball und die Bedeutung der Familie. Entdecke mit uns, was Philipp im Leben antreibt und wie ein Stuhl bezeichnend für seinen beruflichen Werdegang wurde.

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[0:00] Kann ich irgendwo mit dem Skillset, das ich gelernt habe, was dazu beitragen, dass die Welt ein bisschen besser wird? Oder optimiere ich einfach mein Bankkonto? Und in der Fragestellung war ich in dem Moment, als ich quasi auf dem iPad zugucken durfte, musste, wie mein Sohn laufen gelernt hat. Und das hat mir halt tatsächlich so ein bisschen die Beine unter den Füßen weggerissen.

[0:17] Music.

[0:30] Bis zum nächsten Mal. Herzlich Willkommen zu einer neuen Episode von Lifeline. Mein Name ist Sachar Klein. Ich bin Gründer und Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Hyper. Unsere Mission ist es, VisionärInnen und ihrem unternehmerischen Wirken öffentlichen Raum zu geben. Ein Teil unserer Arbeit besteht daraus, die Menschen, für die wir tätig sein dürfen, so richtig kennen und verstehen zu lernen. Warum ist das so wichtig? Gerade in frühphasigen Unternehmen, aber auch in Unternehmen ohne ein physisches Produkt wie zum Beispiel ein Auto oder ein Smartphone, ist es sehr wichtig, die Vision eines Unternehmens klar und deutlich zu machen.

[1:10] Niemand kann diese Vision so gut erklären wie eine Gründerin oder eine Geschäftsführerin aus dem Unternehmen, zumal sie durch ihre Persönlichkeit massiv dazu beiträgt, wie das Herz des Unternehmens schlägt. Wir bei Helper arbeiten daher mit der Lifeline, einem Instrument, bei dem wir nicht nur die Biografie eines Menschen kennenlernen, sondern auch seine Motivatoren und Treiber. Heute widmen wir uns im Leben und im Wirken von Philipp Witzmann. Philipp ist physisch eine richtige Erscheinung, groß und breitschuldrig. Noch auffälliger als Philipps Physis ist sein Einsatz gegen die Einsamkeit. Philipp sieht nämlich im Internet ein Tool, das uns Menschen stark dazu verführt, alleine vor unseren Screens zu sitzen und somit die Lust an der physischen Begegnung zu verlieren. Philipp sieht im Internet aber auch eine Chance, nämlich Menschen im wahren Leben zu vernetzen und zusammenzubringen. Und genau das macht er als Geschäftsführer des Social Network neben Andi.

[2:14] Music.

[2:38] Was für ein Schüler warst du? Gute Frage. Ich glaube, ich war ein Schüler, der sehr von den Lehrern als sehr faul, aber trotzdem sehr laut und aufmerksam wahrgenommen wurde. Viele haben immer gesagt, ich würde mein Potenzial nicht ausschöpfen. Und es hat sich sogar darin niedergeschlagen, dass mein Deutschlehrer, der mir immer vier in den Aufsätzen gegeben hat oder sogar schlechtere Noten, auf Nachfrage meiner Mutter gesagt hat, er findet, dass in meiner Betragungsnote mein Verhalten in seinem Unterricht nicht reflektiert ist. Weil ich, obwohl ich eigentlich in den Aufsätzen deutlich bessere Noten hätte haben können, wollte er mir ein Zeichen setzen, dass ich mich in seinem Unterricht besser zu benehmen habe. Und ich glaube, das ist so ein bisschen widerspiegeln, weil ich war immer jemand, der möchte verstehen, warum Dinge so sind und nicht Dinge so machen, wie sie sind und weil man sie machen muss. Und in dem Moment, wo ich in einem Schulfach meinen Spaß verloren habe, war ich schlecht. Und in dem Moment, wo ich das Interesse hatte, war ich gut. Das hat sich in meinem Leben sehr stark dann auch geprägt, dass ich eigentlich immer lieber Sachen mache, für die ich brenne. Ich glaube, da bin ich nicht alleine, aber mich nicht wirklich gut motivieren konnte für die Dinge, die mir keinen Spaß machen. Gab es denn Fächer, in denen du von A bis Z gut geblieben bist?

[3:50] Sport, Politik, Deutsch eigentlich dann nach dem Lehrerwechsel. Also die ganzen sozialwissenschaftlichen Fächer waren immer das, was mir Spaß gemacht hat. Ich war auch extrem gut in Mathe und Chemie. Ich hatte eine Eins auf dem Zeugnis bis zur Elf Und dann habe ich entschieden, nicht Medizin zu studieren, weil mir Politik deutlich mehr Spaß gemacht hat. Und dann hat sich das tatsächlich sehr stark in den Noten dann wieder gespiegelt. Wir müssen wahrscheinlich irgendwo im Laufe deiner Biografie nochmal darauf eingehen, was eigentlich schiefgegangen ist, dass du am Ende nicht Politiker geworden bist. Aber vielleicht kommt dieser Schritt ja tatsächlich noch. Dein erstes Kapitel, das du auf deiner Lifeline aufgeführt hast, spielte sich in der Schule ab. Und zwar...

[4:34] Ging es nicht um ein Fach, um ein Schulfach, sondern um eine soziale Interaktion zwischen dir, einem Mitschüler, einem Lehrer? Vielleicht erzählst du uns einfach, was damals passiert ist und warum das auch für dich ein so wichtiges Ereignis ist, dass du Jahrzehnte später noch daran denkst.

[4:53] Ja, genau. Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass ich ein sehr hohes Unrechtsbewusstsein habe. Und das spricht mich nicht frei davon, dass auch mein Unrechts- und Gerechtigkeitssinn manchmal vielleicht falsch sind. Aber in dem Fall war es so, dass wir tatsächlich, glaube ich, es war kurz vor den Ferien, alle hatten ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Und es gab halt so ein paar Reihen, die lauteren SchülerInnen mussten vorne sitzen und dazu gehörte ich auch und auch mein Banknachbar Max. Und es gab halt leisere SchülerInnen, die durften hinten sitzen und wegen Nichthausaufgaben haben dann quasi die ersten Reihen, also von dem Lehrer damals alle eine 6 bekommen. Und in den hinteren Reihen wurde dann darüber hinweg gesehen, was für mich, mein Mitschüler fing an zu weinen, weil es für ihn quasi die Versetzung unmöglich gemacht hat durch diese Note, sonst hätte er es ganz knapp geschafft. Und als ich dann mitbekommen habe, dass in den hinteren Reihen die keinen Sechsen verteilt wurden, hat mich das so sauer gemacht, dass ich aufgestanden bin und habe quasi vor Wut gegen den Stuhl getreten und habe gesehen, wie unfair das wäre und dass das halt hier situativ die Noten verteilt werden. Dann ist der Stuhl, ich habe das immer im Kopf wie in Zeitlupe hochgeflogen und dem Lehrer, wir hatten diese Stühle, die so fünf Beine hatten, also fünf Füße und ist ihm quasi mit dem einen der Fuß in den Rücken, hat ihm das Hemd zerrissen und einen blutigen Kratzer gemacht und das war nicht meine Intention.

[6:13] Anässige Körperverletzung nennt man das, glaube ich. Genau, also es war sehr komisch. Dann war Ruhe in der Klasse, ich bin raus, hab mich vor den Klassenaum gesetzt und hab wirklich total angefangen zu weinen, weil ich gemerkt hab, dass das komplett überregend war. Wie alt warst du da? Ich muss da 14, 15 gewesen sein. War das erste Mal in meinem Leben, dass ich so richtig impulsiv auf irgendwas reagiert hab und das hat so in mir gebrodelt, weil ich halt irgendwie irgendwie, ich konnte nicht helfen und ich fand das auch hochgradig unfair, aber es wurde halt, dann halt unerträglich unfair, als ich mitbekommen habe, dass es halt bei.

[6:48] Mitschülerinnen dann halt die Herausforderungen auch nicht gemacht haben, nicht in der Anwendung fand. Und tatsächlich hat die Geschichte eine positive Wendung genommen, weil wir halt, Weil der Lehrer dann rauskam irgendwann und hat gesagt, er muss das melden dem Direktor, aber er versteht total mein Handeln, weil er selber durch meine Reaktion ihm bewusst geworden ist, dass das halt nicht fair ist und er hat dann die Noten für alle zurückgenommen, was total groß war und was meinen Respekt vor dem Lehrer dann auch tatsächlich sehr stark irgendwie ins Positive gedreht hat.

[7:22] Nichtsdestotrotz war die Reaktion halt nicht angebracht und sag mal, war jetzt keine meiner Glanzstunden und heute würde ich das wahrscheinlich eher kommunikativ lösen, aber ja. Aber Max wurde versetzt. Max wurde versetzt und hat dann aber die Schule verlassen, weil es aber in die, ich glaube es war von neun auf zehn und hat dann die Schule gewechselt, aber es war dann mir nicht mehr als Banknachbar, stand mir nicht mehr zur Verfügung, aber er wurde versetzt und das war das positive Outcome daran. Und tatsächlich habe ich von da an das Gefühl gehabt, dass der Lehrer mir auch mit einem anderen mir deutlich positiver auch begegnet ist. Also es war tatsächlich spannend.

[7:59] Seid ihr noch in Kontakt geblieben, Max und du? Nee, nicht mehr. Das hat sich dann verlaufen. Spannend, dass so eine Geschichte bei dir sich so sehr ins Bewusstsein eingebrannt hat. Und spannend, dass es eine so impulsive Reaktion war für einen Sachverhalt, der sich ja gar nicht auf dich bezogen hat. Ja, das ist, was mich, glaube ich, auch in meinem Leben immer geprägt hat. Mir ist es immer leichter gefallen, mich für andere einzusetzen als für mich selbst. Hattest du das Gefühl, selbst immer gerecht beurteilt zu werden? Ich glaube, jeder Mensch hat das nicht immer. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich so ungerecht behandelt wurde, wie in dem Moment mein Max.

[8:41] Und trotzdem, glaube ich, würde es mir immer leichter fallen, Das impliziert ja auch tatsächlich, dass du der festen Überzeugung bist, vielleicht auch stärker zu sein als andere, weil du ihnen nicht zutraust, für sich selbst einzustehen und das Wissen zu haben, dass du genug Stärke hast für dich und noch für andere.

[9:06] Das ist eine gute Frage. Ich würde gar nicht sagen, dass ich stärker bin als andere. Ich glaube, dass ich vielleicht, also ich habe einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen nicht, die es unmittelbar betrifft, die ungerecht behandelt werden, nicht für sich einstehen, wie in dem Moment. Ich habe einfach gemerkt, da war halt eine sehr starke in sich gekehrte Trauer und dass ich dann halt mich ermutigt fühle oder da halt nicht so viele Ressentiments habe, den Mund aufzumachen. Aber nicht, weil ich glaube, dass ich stärker bin, so habe ich das noch nie gesehen, sondern einfach, weil ich finde, das ist unsere aller Verpflichtung, wenn wir Ungerechtigkeiten sehen, dass wir die auch benennen und dann auch dafür einstehen. Nicht in der Konsequenz, wie ich es damals gemacht habe, aber grundsätzlich. Ist das etwas, was du von zu Hause mitbekommen hast? Ich glaube, dass meine Eltern, meine Mutter sehr stark auch immer sich für uns eingesetzt hat. Hier mein Deutschlehrer, der mir danach immer 1 und 2 auf die Aufsätze gegeben hat.

[10:05] Und meine Verhaltensnote ist trotzdem bei einer 3 geblieben. Aber ja genau, ich glaube, dass das für andere einstehen ist schon ein Wert, den wir von zu Hause mitbekommen haben. – Du hast eine dieser, tja, nicht ungewöhnlichen Biografien für Anfang der 90er Jahre, nämlich, dass man sich von dem einen Teil Deutschlands in den anderen Teil Deutschlands bewegt hat. Ein sogenanntes Wendekind, würde man heute sagen. Ihr seid 1994 nach Trier gezogen.

[10:37] Wie war das für dich? das war spannend.

[10:42] Meine Mutter, es war quasi der dritte Ehemann meiner Mutter, also ich bin auch, glaube ich, auch nicht untypisch für die Zeit, durch, hatte mehrere Vaterfiguren sozusagen, und wir sind quasi damals zu dem neuen Partner meiner Mutter gezogen oder nach in die Trierer Ecke, der ist auch in eine neue Wohnung dann mit uns gezogen und es war komplett eine andere Welt. Wenn man mit, ich glaube, ich war damals elf, Da das Schulsystem hier in Brandenburg und Berlin war, glaube ich, bis zur sechsten Klasse war Grundschule. Dort bin ich aufs Gymnasium gerutscht und hatte irgendwie tatsächlich im Englischen ein ganzes Schulbuch aufzuholen in kurzer Zeit. Dann war das Thema einfach, die Menschen haben schon anders getickt. Ich war sehr katholisch, war der Einzige, der keinen Religionsunterricht hatte auf der ganzen Schule zu der Zeit. Es ist mir nicht so leicht gefallen, mein Netzwerk, das ich aufgegeben habe, sehr schnell wieder aufzubauen in dem neuen Kontext. Also es war, würde ich sagen, eine Herausforderung. Punkt.

[11:41] Eine herausfordernde Zeit, ja. Hat sich für euch als Familie auch das Miteinander dadurch verändert? Von der Dynamik her?

[11:52] Ja, ich glaube das natürlich. Ich meine, wenn man das sehr klar sieht, kommt halt ein neuer Mann ins Leben. Meine Mutter war tatsächlich, man muss es eher irgendwie so sagen, wenn du mit drei Kindern, ich habe zwei Schwestern, zwei jüngere Schwestern mittlerweile auch noch, also mittlerweile habe ich drei jüngere Schwestern, damals noch nicht. Nämlich, wenn du quasi mit einer alleinerziehenden Mama, natürlich sind die Partner meiner Mama dann auch irgendwo Vaterfiguren geworden, aber wenn du mit einer alleinerziehenden Mama aufwächst, die halt irgendwie voll arbeitet und auch sehr erfolgreich ist.

[12:21] Dann ist man, ich war sehr früh ein Schlüsselkind. In der DDR war das normal, dass man in der ersten Klasse einen Schlüssel bekommt. Bei uns war das so, dass quasi der Schulbus halb leer war, weil tatsächlich in der Trierer Region damals auch noch viele Mütter nicht gearbeitet haben, ihre Kinder mittags abgeholt haben, Essen gekocht und wir waren schon sehr selbstversorgend unterwegs und dadurch hat sich schon vieles verändert, weil man einfach anders war und das auch gemerkt hat. Ich habe auch sehr Berlinert zu der Zeit, das habe ich mir tatsächlich abgewöhnt. Wirklich? Ja, es wurde, da wurden sehr viele Späße auch drüber gemacht. Heute mache ich tatsächlich, finde ich es ganz witzig und irgendwie auch sweet, dass meine ganze Familie den Trierer Dialekt sehr stark adaptiert hat. Aber die, ja es gab, ne und man hat dann einfach gesehen, dass viele Familien dort anders sind als man selbst. Und ja, ich fand das ganz spannend, dann auch zu beobachten, wie andere Familienkonstrukte funktionieren. Du hast gerade gesagt, dass deine Mutter voll berufstätig gewesen ist und auch in ihrem Beruf sehr erfolgreich gewesen ist.

[13:24] Ist das der Grund, warum du vielleicht auch selbst später leistungsorientiert geworden bist? Ja, also meine Kinder sind noch nicht in der Schule, aber ich kann sagen, bei uns war das schon wichtig, dass man gut in der Schule ist. Ich glaube, meine kleinste Schwester ist Mitte 96 geboren. So im Rahmen, wo sie auch in die Schule kam, hat sich bei meiner Mutter auch ein Umdenken eingestellt. Aber wir sind tatsächlich sehr, es war einfach wichtig, dass wir gut in der Schule sind und deswegen auch, meine Mutter ist auch zu jedem Lehrer gegangen und wenn die Noten nicht gut waren, um zu verstehen warum. Und es war einfach schon ein Leistungsgedanke, der dann, mit dem wir auch aufgewachsen sind. Und ich würde auch heute sagen, meine Schwestern und ich sind schon, also es sagt man uns nach, dass wir halt so gefühlt, wenn uns ein Bein und ein Arm fehlt, dann gehen wir immer noch auf die Arbeit, weil wir einfach so erzogen sind. Und das ist auch, ja, das haben wir von zu Hause mitbekommen, würde ich sagen.

[14:21] Du hast vorhin erzählt, dass du es nicht schwer gefunden hast, dich zu motivieren, wenn du Dinge verstanden hast, wenn du intrinsisch motiviert gewesen bist. Hast du verstanden, warum du gut in der Schule sein solltest? Weil du ja auch gesagt hast, du warst nicht in allen Fächern gut. Und die Zielvorgabe, gute Noten zu haben, löst ja nicht zwangsläufig das Verständnis aus, dass gute Noten unter Umständen für irgendetwas im Leben wichtig sein könnten.

[14:47] Das ist eine gute Frage. Ich hatte sehr früh im Kopf, dass ich gerne Medizin studieren möchte. Bis zur Oberstufe habe ich einen sehr niedrigen Einzelschnitt gehabt und war wirklich in allen Fächern sehr gut, weil es mir auch sehr leicht gefallen ist. Und dieses nicht mehr gut kam dann, wenn Arbeit dazu kam. Das war bei mir tatsächlich zum Großteil erst in der Oberstufe der Fall, dass ich wirklich auch lernen musste und dann halt sehr stark selektiert habe, wofür möchte ich quasi diesen Aufwand betreiben.

[15:17] Und bis dahin war halt eine Mischung aus, okay, ich mache die Hausaufgaben und ich kümmere mich um die Sachen, die ich machen muss und das fällt mir relativ leicht. Also der Qualfaktor war noch nicht da, der kam als eine Oberschule. Deswegen habe ich es tatsächlich nicht so hinterfragt. Das war gesetzt, so nach dem Motto, wenn was aus dir werden soll, dann musst du halt gut in der Schule sein. Und deswegen habe ich da tatsächlich nicht so doll hinterfragt, glaube ich, wie ich es vielleicht rückblickend auch hätte machen können.

[15:45] Ja, mein familiärer Background ist wie deine Mutter sozialistisch geprägt. Bei dir ist es die ehemalige DDR, bei mir ist es die ehemalige Sowjetunion und wenn aus dir etwas werden soll, mündet er automatisch so in zwei, drei Berufsbilder, der Anwalt, der Arzt und irgendwas mit BWL. Du hattest diesen Studienwunsch Medizin. Glaubst du, dass das unter Umständen auch aus diesem etwas aus einem Werden soll gemünzt ist oder hast du darin tatsächlich auch eine irgendwie geartete Neigung gesehen? Ich hatte, ich wollte einfach Menschen helfen. Also ich wollte gern, konkret wollte ich Chirurg werden und wollte einfach Menschen helfen. Und heute denke ich noch, ich hätte auch Anwalt, hätte mir auch total Spaß gemacht. Ich glaube Aber einfach, dass ich, ich habe dann das gemacht, was ich konnte im Studium und das, was mir in dem Moment am meisten Spaß gemacht hat. Und dann bin ich auch total zufrieden. Aber wahrscheinlich kommt es genau daher, dass man einfach weiß, als Arzt hat man sicher ein gutes Einkommen und kann Gutes tun mit dem, was man macht. Und das waren die beiden Faktoren.

[16:50] Ich kenne kaum einen Menschen, der rein äußerlich so eine Erscheinung ist wie du. In dem Sinne, du bist groß für diejenigen, die dich jetzt nicht sehen können wie ich. Du bist sehr fit und man sieht dir an, dass du nicht gestern erst mit dem Sport angefangen hast, sondern Sport sich wahrscheinlich wie ein roter Faden durch dein Leben zieht. Du hast schon immer sehr viel Sport gemacht und hast auch angegeben, dass für dich Sport einfach so ein ausbalancierender Faktor ist. Wann hast du mit Sport angefangen, dass es eben nicht nur Spielen war, wie es jetzt vielleicht bei unseren Kindern der Fall ist, dass die irgendwie zum Turnen gehen oder mal ein bisschen Fußball spielen? Also ich habe meine erste Urkunde zu Hause, da war ich fünf. Da habe ich 25 Meter Kraulbeine in meine Alterstrasse gefahren. Die ist noch handgeschrieben in so einem Blau. Mein Sohn guckt sich das manchmal an. Ich bin ganz, ganz lange auch sehr erfolgreich geschwommen und dann kriegt man am Wochenende halt sechs Medaillen und sechs Urkunden, wenn man sechsmal startet. Und wenn man das dann über Jahre jedes Wochenende macht, also da häuft sich schon was an. Und dann ist Schwimmen irgendwann in Wasserball übergegangen. Das war dann tatsächlich der Faktor, der mir dabei geholfen hat, dann irgendwie auch das Mannschaftsthema durch weiterzumachen. Als ich gemerkt habe, in einem gewissen Alter trägt sich das nicht mehr. Und Wasserball habe ich gespielt bis vor...

[18:17] Zwei Jahre noch relativ intensiv und habe dann und auch noch mit teilweise zweimal am Tag Training vor der Arbeit noch ins Gym gegangen und nach der Arbeit dann Wassertraining und das hat sich, ja, heute gehe ich viermal die Woche vor, auch meistens vor der Arbeit, weil Wasserbein mache ich nicht mehr aus dem einzigen Grund, dass ich abends bei den Kindern sein möchte. Und wir haben morgens eine sehr eng getaktete Routine, also viertel nach sieben ist aufstehen und um acht geht es in die Kita, wahrscheinlich dann bald in die Schule. Das wird sich alles noch bald verschieben.

[18:51] Dann in die Schule und wir müssen die Kids jetzt auch schon wecken morgens, aber ich verliere halt eine Dreiviertelstunde mit den Kindern, wenn ich morgens, also ich stehe dann um fünf Uhr zehn auf, bin dann im Auto um fünf Uhr dreißig, sodass ich dann quasi vor der Arbeit zwei Stunden Sport machen kann und wenn ich abends halt, was aber ist ein Mannschaftssport, den muss man abends mit der Mannschaft machen und da bin ich halt dann abends weg und dann, das ist halt viel mehr Quality Time mit den Kindern als wenn ich halt morgens die dreiviertel Stunde Sacrifice, in der wir dann auch meistens noch fünf Minuten Videocall machen, während ich schwitzend irgendwo sitze, das ist auch cool. Warum ausgerechnet Wasserball? Also ich verstehe, dass du gut schwimmen konntest und dass du dann vielleicht irgendwie noch die Erweiterung gesehen hast, vielleicht auch tatsächlich den Mannschaftsgedanken, aber warum Wasserball? Das ist ja jetzt in Deutschland nicht unbedingt bedingt Folkensport Nummer eins. Ich kam nach dem Studium aus den USA zurück, habe vorher viel geschwommen und bin dann, ich sage das immer so, die Wasserballer haben gesagt, guck mal, da ist ein großer Dicker, der gut schwimmen kann und Wasserball ist schon ein sehr physischer Sport. Ich hatte immer eine gute Ballaffinität mit den Händen, leider nicht mit den Füßen, auch wenn ich total gern, wie du weißt, oder total, fußballinteressiert bin und habe das ausprobiert und es hat mir total Spaß gemacht, auch da, ich werde es nie vergessen, Das ist ein erstes Spiel in Worms, war das damals. Und ich bin quasi drei Stunden mitgefahren, wurde 30 Sekunden am Ende eingewechselt und mir hat einer in den Bauch getreten, dass mir mehrere Rippen gebrochen wurden.

[20:15] Und danach habe ich von unserem damaligen Trainer, bei Masterball muss man auch schon, er hat immer gesagt, der Gegner muss essen. Er war Russe und hat mir dann ganz viele Griffe beigebracht, weil er gesagt hat, wenn dein Gegner weiß, dass du auch dich verteidigen kannst, dann hast du deutlich weniger Probleme im Spiel, auch mal ein bisschen Luft zu haben. Und dann, genau, das hat mir dann tatsächlich sehr geholfen. Und ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich relativ gut werfen kann. Und durch groß und schnell schwimmen ist genau das, was man eigentlich im Wasser braucht. Und ich fand es einfach ein cooles Mannschaftsgefühl, was man im Schwimmen nicht in der Form hat. Da ist man schon sehr viel alleine, auch wenn man den ganzen Tag mit anderen Menschen trainiert. Und wie gesagt, Laufen macht mir nicht so viel Spaß. Und dann konnte ich quasi einen Ballsport machen in dem...

[21:01] Element, das mir am meisten liegt und das war Wasserball. Ich wundere mich nur, weil in der Trierer Region, wenn ich jetzt nicht komplett falsch gepolt bin, kann man ja auch, wenn man groß ist und werfen kann, sehr gut Basketball spielen und sehr gut Handball spielen. Und das sind ja dann nun Sportarten, die, glaube ich, auch dort deutlich stärker verwurzelt sind als Wasserball. Genau, ich glaube, Wasserball ist nirgendwo richtig stark verwurzelt. In Berlin gibt es eher ein paar Vereine. Ich habe ja dann auch lange beim SC Wedding gespielt. Aber für mich war halt einfach, warum sollte ich das, was ich jahrelang aufgebaut habe, nämlich irgendwie eine sehr gute schwimmerische Fähigkeit aufgeben und wenn ich quasi da den Ballsport haben kann. Und deswegen, also für mich lag das total nah, mir hat das total Spaß gemacht, die Mannschaft war total cool, die waren, das waren, als ich angefangen habe in Trier, das waren alles Leute, die irgendwie mitten im Leben standen, gearbeitet haben und einfach, es war eine coole Truppe und man, wenn man die Menschen mag, die so einen Sport dann mittragen, dann war das für mich eigentlich der Weg da rein und den habe ich auch nicht verlassen, bis jetzt, bis ich aufgehört habe vor zwei Jahren, weil es einfach Spaß gemacht hat. Du hattest im Vorfeld angegeben, dass du Sport als Ausgleich brauchst und hast ja auch erzählt, dass du viermal pro Woche Sport machst, bisweilen deine Frau

[22:21] dich ja auch zum Sport schickt. Was passiert, wenn du keinen Sport machst? Ich werde tatsächlich unausgeglichen. Meine Frau merkt das, wenn ich irgendwie.

[22:31] Ich bin glaube ich eh jemand, der ein sehr hohes Energielevel hat und ich glaube, dass ich aber sehr gut funktioniere, wenn meine körperliche, körperliche, wenn ich so ein gewisses Grad an körperlicher Erschöpfung vorhalte, weil dann kann ich einfach ruhiger denken und meine Energie besser kanalisieren und meine Frau hat ein sehr gutes Gefühl. Meistens merkt sie schon drei Tage vor mir, dass irgendwas mit mir nicht stimmt oder dass ich über irgendwas nachdenke, was ich selber nicht so richtig reflektiere und die spürt mich total gut und, sie sagt einfach, wenn ich mal eine Zeit habe, wo ich nicht so viel Sport mache, sagt sie, Schatz, du musst wieder los, weil du nervst mich. Ja, also kann man so sagen. Genau, deswegen habe ich auch, und das ist, glaube ich, auch was, was ich sehr wertschätze. Ich habe ja, dadurch, dass ich viel Sport gemacht habe, als wir uns kennengelernt haben, ist sie damit, also sind wir damit auch als Paar zusammengewachsen. Und das ist ein Thema, Sport ist ein Thema, das bei uns nie zu einem Konflikt geführt hat. Wenn ich gesagt habe, ich will jetzt morgens gehen, ich will abends gehen. Sie sagt immer, mach, weil sie weiß, dass es mir Gutes tut. Und damit tut es dann auch uns in der Beziehung und in der Familie gut. Weil ich dann einfach, wenn ich wirklich das Gefühl habe, ich muss, dann bin ich danach auch deutlich ausgeglichener. Du hast zwei Kinder und du hast erzählt, dass du selbst mit Sport groß geworden bist.

[23:43] Förderst du Sport bei euch zu Hause? Ja, spannend. Also außer jetzt Fußball schauen, wovon ich weiß, dass das bei euch tatsächlich zumindest bei dir und deinem Sohn ein großer Faktor darstellt, aber ich meine jetzt tatsächlich Sport nicht am Fernseher. Ja, also genau. Das ist ganz spannend, weil alle sagen ja immer, Kinder sind unterschiedlich und bei uns ist es aber auch tatsächlich so. Mein Sohn, der hat das wie ich, der hat schon sehr früh, haben alle gesagt, der muss Bewegung, der hat so viel Energie, der wird seine Bewegung durch Körperlichkeit kanalisieren. Und genau, der spielt Fußball und Basketball gerade. Also wir gucken uns gerade beides an und schauen, was ihm mehr Spaß macht. Und er ist aber auch jeden, also nimmt sich, wenn er von der Kita kommt, sagt er, isst was und dann sagt er, kann ich raus. Und dann spielt er zwei, drei Stunden im Garten Fußball oder Basketball.

[24:29] Jetzt hat er sich irgendwie, Fußballtraining hat er jetzt gelernt, dass er im Dribbling noch ausbaufähig ist. Jetzt baut er sich Hütchen im Garten auf und dribbelt durch den Garten. Also total spannend. und er hat einfach Spaß dran. Er kommt dann total nass geschwitzt eine Stunde rein und sagt, ich muss was trinken und dann geht er wieder raus und dann macht er halt wechselt er halt, wir haben jetzt auch einen Basketballkorb zu Hause und dann nimmt er halt einen Basketball und übt Korbleger, weil sie das beim Basketball gerade üben. Also der ist total der hat einfach Spaß dran und meine Tochter ist tatsächlich anders, die ist auch hat auch sehr viel, ich finde das bei ihm, ich finde er ist sehr konsequent in dem was er macht. Meine Tochter, die kann halt stundenlang Gesellschaftsspiele spielen oder malen. Also sie hat eine sehr der hat so die Kreativität, die sie irgendwie rauskriegen muss und so einen sehr hohen spielerischen Trieb, nicht auf Sport bezogen. Und die beiden kommen sich dabei aber auch nicht in die Quere. Gestern war meine Frau mit Leopold auf dem Fußballplatz und Charlotte hat sich daneben gesetzt und hat halt dann eine halbe Stunde gemalt und dann hat sie mal mitgespielt. Und genau, ich würde sagen, um die Frage nochmal in der Kürze zu beantworten, wir fördern den Sport, Aber wir fördern auch alles, was andere, was die Kinder mögen. Und wenn Charlotte nicht sportlich ist oder Leopold irgendwann sagt, er möchte keinen Sport, sondern ich glaube, wichtig ist, dass die Kinder lernen, dass man Dinge ausprobiert. Wenn man sich aber irgendwann dafür entscheidet, werde ich immer versuchen, dass sie auch einen gewissen Weg dranbleiben, weil man immer mal keine Lust hat.

[25:56] Aber das haben wir vor, wir wissen es noch nicht. Im Moment ist es noch sehr entspannt, weil sie noch beide sehr klein sind. Ja.

[26:04] Was ist aus dir geworden, oder anders, was für ein Abitur hast du gemacht? 3,0. Das ist jetzt nicht sehr konsequent, würde ich behaupten. Das ist noch schlechter als mein Abitur. Und ich bin eigentlich immer derjenige im Raum, der sich für sein Abitur rechtfertigen muss. Was ist aus dem leistungsorientierten Philipp geworden am Ende, der ein 3,0-Abi gemacht hat?

[26:29] Ich glaube, ich bin immer noch leistungsorientiert und in Sozialkunde hatte ich, glaube ich, 15 Punkte im Abi. Also auch da wieder. Und in Mathe habe ich, glaube ich, niedriger einstelliger Bereich. Und in Chemie tatsächlich meine drei Leistungskurse Sozialkunde, Mathe und Chemie waren nicht so gut. Gut.

[26:47] Ich glaube, ich bin jemand geworden, der irgendwie mit dem, was er jeden Tag macht, glücklich ist und deswegen auch einfach, ich will jetzt nicht sagen performt, aber der halt einfach die Themen, die mich jeden Tag beschäftigen, die treibe ich voran, weil sie mir einfach total Spaß machen, sehr allgemein umfänglich. und ja. Verfolgt dich diese Note? Nee, gar nicht. Ich habe das festgestellt, ich habe, ich war nicht schlecht in der Schule, also ich würde von mir selber behaupten, dass ich nicht schlecht in der Schule gewesen bin und bis zu den Abi-Prüfungen war das so, waren about zwei, zwei, zwei und ich habe aber tatsächlich meine Abi-Klausuren so richtig, so richtig in den Sand gesetzt, Latein in der Übersetzung null Punkte geschrieben und, tatsächlich an der Stelle nur ganz knapp durchs Abi wie gekommen. Und ich habe dem aber nicht, ich glaube, nicht einen Tag hinterher geweint. Also es gibt Ereignisse im Leben, mit denen man sagt, Mensch, hättest du da mal mehr investiert, hättest du da mal mehr Gas gegeben und ich habe nie darüber nachgedacht, hätte ich mal mehr in der Schule, in die Abiturvorbereitung investiert, weil ich irgendwie der Überzeugung war und immer noch die Überzeugung vertrete, dass es nicht der Maßstab meines Lebens gewesen. Wusstest du zu dem Zeitpunkt schon, wie wie es für dich weitergehen würde, dass dich nicht auch wie ein immer wieder kerner Albtraum verfolgt hat?

[28:09] Also meine Mutter war extrem enttäuscht mit meinem Abi. Und das, weil halt auch ihr die Lehrer immer gesagt haben, dann schon früher, dass ich halt irgendwie Glück habe, dass mir die Sachen leicht fallen, aber dass ich irgendwann daran scheitern werde, dass ich halt nicht fleißig genug bin auf den Themen, die mich nicht interessieren.

[28:27] Und für mich war relativ früh klar, dass ich Politikwissenschaft studieren möchte und deswegen hat mich das, ich glaube, nicht unmittelbar und auch lange nicht verfolgt. Und spannenderweise hatte ich vor einem Monat, wir haben jetzt 22 Jahre Abitur in zwei Wochen und für mich war die Wahl, entweder dorthin zu fahren oder zu fliegen. Ich habe in der Nähe von einer Luxemburger Grenz Abitur gemacht. Das heißt, das ist halt irgendwie ein relativ großer Aufwand, nach Trier zurückzufahren oder nach Konz genau, wo ich Abitur gemacht habe.

[29:00] Und ich habe eigentlich gesagt, ich sage zu, weil ich irgendwie, wir waren keine, würde ich sagen, megacoole Stufengemeinschaft, sondern es war schon ganz viele Grüppchen. Und ich war eigentlich immer in so einer Gruppe mit ganz vielen, so mit guten Schülern, die sportlich sehr aktiv waren, aber ich war gefühlt immer der schlechteste Schüler dann in der Gruppe. Und ich habe erst zugesagt und habe dann mir überlegt, warum fahre ich eigentlich hin? Weil das ist über Pfingsten und da war ich letztes Jahr in meiner Familie in der Ostsee und da hat meine Frau Dirk Baumwilzen dahin. Dann habe ich gemerkt, ich will da eigentlich hin, weil ich eigentlich zeigen will, was aus mir geworden ist. Und das war dann, warum will ich eigentlich noch hin? Und was für ein Aufwand ist das? Und habe mich dann dagegen entschieden, tatsächlich dorthin zu fahren. Und weder meine Uni-Zeugnisse noch mein Abitur hat nach meinem ersten Job noch irgendjemand sehen wollen in meinem Leben. Also von daher würde ich sagen, es hat mich nicht verfolgt. Heute ärgere ich mich ein bisschen, weil ich glaube, mit minimal mehr Aufwand hätte ich maximal mehr erreichen können.

[29:58] Auf der anderen Seite ist, glaube ich nicht, dass ich einen Schaden genommen habe. Ich wollte gerade sagen, die Frage ist, worin hätte sich dein Leben, ich will gar nicht sagen zum Besseren, aber worin hätte sich dein Leben verändert, wenn du nicht einen 3,9, sondern sagen wir einen 1,5 Abi gemacht hättest? Gar nicht. In der Medizin hättest du wahrscheinlich trotzdem nicht mehr studiert. Ich wollte es nicht mehr studieren, also es war schon klar, mir war sehr früh klar, ich möchte es nicht mehr und dann habe ich, immer bis ich, als ich es noch wollte, war ich wirklich auch gut in Mathe und Chemie. Und es ist in dem Moment, wo ich entschieden habe, dass ich diese beiden Fächer nicht mehr brauche, hat sich das tatsächlich für mich gedreht.

[30:29] Politologie. Was war deine Hypothese davon? Wie würde dieses Studium ablaufen? Und wie ist es dann am Ende tatsächlich gelaufen? Ich sage heute immer, ich habe ja auch BWL studiert. Ich sage mal ganz provokativ, meine Mutter hat immer gesagt, wenn du nicht als Taxifahrer in Berlin enden willst, dann solltest du noch was Richtiges studieren. Und das Richtige war BWL. Das Richtige war BWL. Und...

[30:54] Ich sage heute, Politik hat mich denken gelehrt und BWL hat mir am Ende die Türen geöffnet. Ich habe beide Studien sehr gut abgeschlossen. Aber im Politikstudium lernt man eigentlich, wie verschiedene Theorien das Verhalten verschiedener Länder prägen. Und dann wird man in den Klausuren in Konflikt geworfen und muss verstehen, wer wird wie verhandeln und wo werden sich diese Konfliktparteien, auf welchen Themen werden die sich einigen. Und das hat mir sehr viel Transferdenken einfach mitgegeben. Ich kann heute, glaube ich, sehr gut verstehen. Deswegen habe ich ja auch einen Teil meiner Karriere im Vertrieb aufgebaut. Ich kann sehr schnell verstehen, wo ist mein Winset, wo ist das Winset der anderen Person und wie schaffe ich es eigentlich zu verstehen, wie ich die möglichst deckungsgleich übereinander bekomme. Also ganz vieles verstehen, wer im Raum kommt woher, aus welcher Ecke, welchen Inhalt, welche Themen sind wichtig. Politik und das A zu erfragen und B dann aber auch nutzbar zu machen, damit man irgendwie einen guten gemeinsamen Nenner findet. Diese Transferfähigkeit habe ich im Politikstudium gelernt, würde ich heute sagen. Wahrscheinlich habe ich die vom Grundskill schon irgendwie gehabt, aber Politik hat mir das klar gemacht und hat das für mich in meinen Werkzeugkoffer als Toolset reingepackt, dass ich es mein ganzes Leben lang nutzen konnte.

[32:08] Sehr spannend, dass du gerade im Kontext von Vertrieb darüber gesprochen hast. Ich glaube, du hast das Winset? Genau, Putnam ist der politische Theologe. Man kennt ja immer diese Win-Win-Situation. Und das ist eigentlich, du musst dir zwei Kreise vorstellen, die sich annähern und die Win-Win-Situation ist das, wo sie sich überschneiden. Das ist eine sehr technische Darstellung, aber eigentlich total richtig. Richtig. Ich finde es im Kontext von Vertrieb spannend, dass du das aufbringst, weil ich glaube, wir alle eher schlechte Vertriebler kennen als gute Vertriebler. Und ich selten das Gefühl habe, dass jemand darüber nachdenkt, was eigentlich für mich dabei rauskommen soll, sondern man ja zu irgendwelchen Modellen getrieben wird. Du bist nach dem Studium, ich werde nicht sagen leider, aber du bist wo davon gegangen? Du hast einen Traineeship durchlaufen. Warum zum Teufel bist du ausgerechnet im Vertrieb gelandet? Weil mir das... Du merkst, ich habe von Vertrieb eine richtig gute Meinung. Es tut mir leid, dass das jetzt durchschimmert. Alles gut. Weil es mir Spaß gemacht hat. Weil ich einfach gemerkt habe, ich habe Marketing mir angeschaut und ich habe mir Produktmanagement angeschaut. Und wenn du überlegst.

[33:21] Wie wenig man in so einem großen Schiff wie Vodafone verändert, wenn du im Marketing sitzt und gerade wenn du dort sehr jung bist.

[33:31] Und Vertrieb war so, ich bin ins Filiageschäft von Vodafone eingetaucht und das hat mir einfach mega Spaß gemacht. Da sind halt Menschen, die wollen, die irgendwie natürlich jemandem was verkaufen wollen und man hat aber sehr schnell gemerkt, dass man durch gute, wenn du jetzt in einen Vodafone-Laden kommst und willst ein Handy oder einen Handyvertrag dir kaufen, Dann hast du ja ein gewisses Bedürfnis. Du hast irgendwie, keine Ahnung, ganz klassisch früher, du telefonierst 60 Minuten dahin und den Bedarf zu erfassen und dir ein Produkt zu geben, wo du im besten Fall im Vergleich, wo du jetzt stehst, war eine andere Zeit. Damals haben noch die Leute auf dem Handy Minutenpreise bezahlt und hatten dann Rechnung von ein paar hundert Euro und sagen, das kann wir alles abfangen und du zahlst jetzt nicht mehr ein paar hundert Euro, sondern 50 Euro und kriegst noch ein Handy dazu, das du dir wünschst. Das ist schon ein klassischer Vertrieb und das muss man auch dann, und wir haben auch da Sachen gemacht, die ich heute nicht mehr gut finde, aber vom Prinzip lernst du halt, Bedarf zu erfassen oder auch Bedarf zu wecken und das macht ja im Endeffekt, finde ich, einen guten Vertriebler aus, wenn dir jemand was aufschaut, was du nicht brauchst, brauchen wir nicht drüber reden, aber wenn du ein Bedürfnis hast, das du gelöst haben möchtest oder ein Problem hast, das du gelöst haben möchtest und jemand bietet dir eine Lösung dafür und Und wenn man das so aufbaut, dann ist das, glaube ich, gar nicht schlimm. Würdest du über dich selber sagen, dass du Menschen gut lesen kannst?

[34:50] Weil das ist ja letztlich die Fähigkeit, die du gerade beschreibst, abgesehen von der Tatsache, dass Menschen, wenn sie einen Wodafone-Laden betreten, wahrscheinlich nicht sich mit Gesundheitsfragen mit dir unterhalten wollen. Ich glaube...

[35:04] Ich glaube, dass ich gut fragen kann, dass ich gelernt habe, sehr gute Fragen zu stellen, um den Bedarf zu erfassen, jetzt aus einer vertrieblichen Brille. Ich glaube, dass ich eine sehr gute Treffsicherheit habe, wenn ich mit Menschen spreche und ein gutes Bauchgefühl habe, wie die Person, die mir gegenüber sitzt, tickt und was ihr wichtig ist.

[35:24] Dass Menschen gut lesen, ist, glaube ich, schon sehr, sehr viel gesagt. Das hängt ja auch immer, es gibt Menschen, die kann ich gar nicht lesen. Es gibt aber auch viele Menschen, da habe ich ein sehr gutes Gefühl. Und ja, deswegen, ich glaube, man muss auch nicht Menschen lesen. Man muss halt ehrlich sein, man muss irgendwie integer sein. Und wenn die Menschen das merken, dass man sie nicht veräppeln will, und das gilt ja für alles im Leben, nicht nur in der Vertriebssituation, dann öffnen sich Menschen auch leichter und dann kann man auch wieder leichter die Menschen lesen. Also ich glaube, wenn man selber sehr klar ist und auch gibt, dann kriegt man auch mehr zurück und dann kann man auch besser lesen. So würde ich es vielleicht ausdrücken. Du warst vier Jahre bei Vodafone. Das ist für eine erste Berufsstation nach dem Studium gar nicht mal so kurz. Für eine Vodafone-Karriere wahrscheinlich auch nicht wahnsinnig lang.

[36:11] Du bist am Ende rausgegangen und bist in ein Gebilde gegangen wie Rocket Internet. Was hat dich dazu bewogen, Vodafone zu verlassen? Oder von zu verlassen war einfach, ich hatte das Gefühl, ich habe alles gelernt und ich habe auch, muss ich auch sagen, ich habe ja dann auch ein sehr großes Vertriebsteam geführt und habe wirklich, ich war der jüngste Mitarbeitende und hatte quasi bis 240 Leute und musste halt.

[36:38] Habe halt jeden Samstag, wenn ich in irgendeinen Laden gefahren bin, mitverkauft, weil ich irgendwie einfach die Extrameile gehen wollte, auch um meine Karriere zu entwickeln, aber auch um die Kredibilität bei meinen Mitarbeitenden zu haben. Und ich habe gemerkt, ich habe ganz viel gegeben und meine Lernkurve ist irgendwie nicht mehr steil genug. Und habe dann gesagt, eigentlich will ich was machen, wo ich irgendwie das, was ich gelernt habe, nämlich das strukturiert Vertrieb zu transferieren auf eine chaotische Situation, um da quasi diese Sachen zu implementieren. Also das war so der erste Schritt. Und ich wollte halt in was Schnelleres, in was Moderneres. Und Rocket Internet ist ja vom, ich sag mal, als BWLer in den 2010er Jahren war Rocket Internet das, was man mal mitgemacht haben musste. Egal in welchem Venture, aber es war das, wo alle gesagt haben, das ist eine richtig gute Schule. Man hat eine sehr, sehr steile Lernkurve und man kann da auch viel bewegen auf Themen, die total zukunftsfähig sind. Und das war das, was mich dann da gereizt hat letztlich. Du bist dann bei Helpling gelandet.

[37:43] War das für dich eine gute Sache? Ich sage das jetzt sehr defensiv, weil ich persönlich, wir haben das auch schon mal an anderer Stelle thematisiert, eine sehr negative Erfahrung mit Helpling gemacht habe. Mit der Duo allerdings überhaupt gar keine, also da hatten wir überhaupt gar keine Schnittpunkte. Aber Helpling gibt es heute immerhin noch. Also das ist ja auch nicht selbstverständlich, dass Startups irgendwie knapp zehn Jahre später immer noch existieren. Warst du Feier und Flamme für Helpling oder dachtest du, oh Mann ey. Also die beste Sache an Helpling ist, dass ich meine Frau bei Helpling kennengelernt habe. Und die zweite gute Sache ist, dass wir tatsächlich über fünf Jahre eine Person hatten, die dann bei uns zu Hause geholfen hat und die sich auch mit einem sehr coolen Gemälde dann von uns verabschiedet hat, weil er dann entschieden hat, dass er, er hat nebenbei studiert und war dann fertig und hat gesagt, er möchte jetzt auch, also er kommt nicht mehr. Ja, also es war, wir haben wirklich eine Art, wir sehen uns nicht mehr so oft, aber einen Freund gewonnen in der Zeit.

[38:43] Das Unternehmen als solches war total spannend. Ich meine, wir sind, glaube ich, damals in 14 Ländern gleichzeitig gestartet. Was war deine Rolle? Ich habe die, also ich habe alle, also wir haben einen Teil gehabt, der hat, ich weiß gar nicht mehr, wie mein Titel war, wir haben einen Teil gehabt, der quasi neue Cleaner akquiriert hat und diese Cleaner dann quasi ausgebildet, alles unter Anführungszeichen. Nur für diejenigen, die sich noch nie mit Helpling befasst haben, Helpling ist eine Plattform, über die man als Privatmensch, ich glaube auch jetzt auch als Unternehmen Menschen.

[39:19] Beauftragen kann, dass sie zu einem nach Hause oder ins Büro kommen, um dann vor Ort aufzuräumen, sauber zu machen. Genau. Und quasi alles, was mit den Menschen, die sauber gemacht haben, zu tun hat, war meine Rolle. Also ich habe quasi da, wir haben am Anfang über Ebay Kleinanzeigen Anzeigen geschaltet in den Wochenblättern und haben gesagt, wir suchen eine Reinigungskraft und alle, die sich gemeldet haben, haben dann quasi Teams von mehreren hundert PraktikantInnen global dann versucht immer anzurufen, denen zu erklären, dass es viel besser ist, wenn sie einen Gewerbeschein machen und dann quasi in der Plattform ihre Services anbieten und quasi dann von den KundInnen gebucht werden können. Und da gibt es natürlich ganz viel Konfliktpotenzial. Total spannend. Der Markt hieß damals 50 Milliarden Schwarzmarkt. Und trotzdem haben dann die großen, ich glaube, Berdi hatte Extremen gegen, es gab ja mehrere Modelle dagegen geschossen, obwohl eigentlich die Bedrohung ja nicht war, dass man die institutionalisierten Spieler aus dem Markt nehmen wollte, sondern eigentlich wollte man den Schwarzmarkt auflösen. Und es war dann ein sehr starkes Politikum. Also es war eine super spannende Zeit. Helpling hat auch sehr viel Geld bekommen. Das heißt, meine Aufgabe war dann auch zu verstehen, wie können wir von 30 Studenten, die wir teilweise in den Städten hatten, wie kann man das Ganze insourcen und in Berlin Teams aufbauen, die dann quasi aus Berlin aus das Telefonisch machen. Wie kann man diese Sachen skaliert weiterentwickeln? Und das war eine sehr spannende Reise mit super vielen schlauen, tollen Leuten, die ich kennenlernen durfte, die heute auch entweder GründerInnen sind oder coole Jobs haben. Und mit den vielen von denen bin ich immer noch sehr gut verbunden.

[40:48] Du hast davon gesprochen, dass du Vodafone verlassen hast, weil deine Lerngruppe nicht mehr steil genug war. Wenn du heute zurückschaust auf die drei Jahre Helpling oder im Rocket-Umfeld und abgesehen davon, dass du deine Frau kennengelernt hast und eine Freundschaft hoffentlich Leben mit einem Cleaner gefunden hast, was hast du bei Rocket gelernt? Unglaublich viel.

[41:11] Und eine Sache, die dann auch dazu geführt hat, dass ich gegangen bin, ist dieses Thema, ich sage das immer, many ways lead to Rome, but if you start in a new way every quarter, you'll never reach the target. Dass es total wichtig ist, in aller Unsicherheit und unter allem Druck und allen Wachstumsthemen, dass man nicht versucht, jedes Quartal was Neues zu machen, weil irgendein KPI nicht stimmt, sondern wenn man sich für was entscheidet, dass man dann auch, dass man das ja nicht macht, weil man irgendwann einem langweilig ist, sondern in der Regel entscheidet man sich für einen Weg mit einer Firma oder einem Unternehmen, den man auch gehen möchte.

[41:48] Und so klar es ist, dass man am Anfang sehr iterativ verschiedene Dinge ausprobieren muss, so klar ist es auch, wenn es mal grundsätzlich steht, dass ich nicht, wenn dann 100 Leute sind, dass ich denen jeden Monat was anderes erzähle, was sie machen müssen, dass es halt langfristig nicht funktioniert. Und da, das war ein Thema, das hat mich sehr gestört, weil halt einfach sehr viele Leute, wenn viel Geld im Spiel ist, werden sehr viele Leute sehr schnell nervös und dann versucht man auf was, was okay funktioniert, iterativer einzuwirken, was in meinem Fall sehr oft oder in meiner Beobachtung immer dazu geführt hat, dass die Dinge nicht besser werden, sondern tatsächlich man immer wieder zu einem Ausgangspunkt zurückkommt, an dem man schon war und dann einfach wieder, dann trotzdem wieder nervös wird. Und das hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe dann irgendwann gesagt, so funktioniere ich nicht. Ich möchte halt einfach nicht Pläne machen und dann wieder neue Pläne machen und nie die Pläne exekutieren, weil dann brauche ich auch keine Pläne zu machen. Und das ist was, was ich auch in anderen Stationen immer wieder hatte. Wenn man halt merkt, man hat nicht die Ruhe, was durchzusetzen, an das man glaubt, sondern man muss immer wieder was Neues finden, an das man glaubt, dann glaubt man irgendwie nie richtig an was. Und das hat mich auch sehr geprägt, dann für mich irgendwie zu verstehen, wie kann ich wirken und wie kann ich in einem Umfeld arbeiten, in dem man halt immer wieder seine Pläne hinterfragt, aber nicht ständig alles neu machen muss. Genau.

[43:15] Warum glaubst du, war das der Fall, dass man die Ziele nicht erreicht hat und ein neues Narrativ auch gegenüber Investoren finden musste? Genau. Ich sage immer, das ist ein bisschen zugespitzt natürlich, aber wenn irgendein Praktikant von einem der Investoren ein KPI gefunden hat, das irgendwie abgekachelt ist auf irgendeiner Dimension, dann wurden immer sehr schnell alle nervös und dann musste immer alles anders gemacht werden. Und da haben wir wirklich auch in der Halbzeit Dinge gemacht, die rückblickend, würde ich die als nicht klug bezeichnen, nur um dann quasi den Investoren zu gefallen und nachträglich haben wir das dann wieder rückwärts korrigiert. Das heißt aber dann im Endeffekt, das klingt so aus einer C-Level-Brille und Investorenbrille gar nicht schlimm, aber wenn du die Person bist, die dann 100 Leute heute Nacht sagt, brecht alle Zelte ab, wir laufen jetzt da lang und dann, wenn du merkst, obwohl und was mich so ein bisschen da auch geschadet ist, Ich habe antizipiert, dass da lang gehen Quatsch ist. Aber es hieß, es muss gemacht werden, wir wollen das. Und dann musstest du quasi, das Ganze dann wieder zurückdrehen, weil dann irgendwann klar war, dass das Quatsch ist.

[44:20] Konntest du das gut? Nee. Also gegen die eigene Überzeugung arbeiten? Nee, wie du ja weißt, das ist jetzt nicht meine Stärke. Und ich sage heute immer, disagree and commit ist total wichtig. Es gibt ja irgendwie Simon Sinek's Start with Why. Also auch da glaube ich, hat Rocket Internet viele Dinge gut gemacht. Ich glaube, dass das so, was so Leadership und Coaching und so betrifft, da wurde damals nicht so viel Wert drauf gelegt. Zumindest da, wo ich war. Ich weiß nicht, wie das bei dir war.

[44:48] Okay, schweigen, ja. Und ich glaube, heute sage ich immer, wenn ich meine, Head-Off-Ebene und meine C-Suite abhole zu Themen und auch zu Themen, wo manche sagen, sie wollen nicht, sie finden es nicht gut, dann möchte ich erklären, warum wir es trotzdem machen. Und ich sage immer, es gibt so 20 Prozent in eines jeden Jobs muss Disagree and Commit sein. Und das finde ich auch okay. Auch in meinem Leben ist das so. Wenn ich jetzt mit unserem Vorstand rede und dann bin ich auch nicht immer d'accord. Aber wenn ich verstehe, warum manche Dinge sein müssen, auch wenn ich sie nicht gut finde, kann ich sie machen. Wenn das aber 80 Prozent Disagree and Commit ist, erwartet man das, dann ist das für mich einfach zu viel. Und so hat sich das für mich angefühlt. Fällt dir das leichter zu Hause mit deinen Kindern oder bei der Arbeit? Weil dieses Start with Why, also die ganze Erziehung von Kindern besteht ja im Grunde aus einem entweder sehr autoritären Ausrufezeichen in der Kommunikation oder aus einem, dass du Dinge erklären musst, um überhaupt die Chance zu haben, dass ein Kind versteht, was du ihm sagen möchtest. so.

[45:54] Das ist total spannend. Auch Phasen und Schübe und alles, was da mitspielt, weil mein Sohn war schon sehr früh sehr zugänglich zu Y. Wenn ich ihm erklärt habe, wir müssen jetzt dich eincremen, weil sonst du hast rote Haare und eine helle Haut, sonst kriegst du sehr schlimm Sonnenbrand, das tut ganz toll weh, also lass uns bitte dich eincremen. Dann ging das immer sehr schnell. Wenn meine Tochter nicht will, dann will sie nicht. Und da kannst du mit Y und Autorität herkommen. Wenn sie nicht will, dann will sie nicht. Und wenn ich heute Morgen war ich zu schnell und hab ihr quasi das eine Bein mit Sonnencreme schon eingecremt und sie hatte sich noch nicht emotional damit beschäftigt, dass sie das möchte, dann hat sie versucht, ins Waschbecken sich zu setzen und die Sonnencreme zu waschen.

[46:33] Also von daher würde ich sagen, wir starten immer mit Why, weil ich das total wichtig finde und weil ich auch glaube, dass das richtig ist für unsere Kinder. Und auch wenn man manchmal Zeitdrucks morgens hat und dann wechselt das Why wahrscheinlich zu einem Ausrufezeichen, Aber eigentlich funktioniert das ganz gut. Und bei uns auch, weil unser großer Sohn sehr zugänglich ist für das Why und unsere Tochter dann sehr stark auf ihn fokussiert ist. Er zieht sie so ein bisschen mit. Und so agierst du dann eben auch im Beruf? Ich versuche es. Also ich würde nicht sagen, es gelingt mir immer, aber ich glaube, dass ich sehr transparent und sehr viel kommuniziere. Vielleicht auch manchmal zu viel, aber ich glaube, es ist immer wichtig, wenn Leute den Kontext verstehen und ich Menschen in meine Gedanken mit einbeziehe.

[47:24] Rocket Internet. So lang war es gar nicht da. Es waren in Anführungszeichen nur drei Jahre, wobei man dazu sagen muss, drei Jahre bei Rocket Internet zu überleben. Das ist für manchen ganzes Leben. Und du bist dann zu Wayfair gegangen. Und vielleicht kannst du uns ein bisschen erklären, warum, wieso, weshalb. Also Wayfair ist ja jetzt keine, also zumindest in Deutschland nicht so eine omnipräsente Megamarke, wobei wahrscheinlich viele wissen, dass es um Möbel geht und um Einrichtungsgegenstände. Was war da deine Rolle und was war deine Motivation? Genau. Also ich war nach Rocket noch kurz in Portugal und habe da bei einem Startup ein Jahr gearbeitet und wollte einfach zurück nach Berlin. Und dann hat quasi dort on board saß jemand, der der Europachef von Wayfair war zu der Zeit. Und wir haben da glaube ich mit einem kleinen Team von unter, ich glaube 35 Leuten waren wir in Europa angefangen und haben dort quasi wie du gesagt hast, Möbel online verkauft. Sehr spannende Zeit. Welcher sagt eigentlich, die Wandel muss auch schon sehr groß 2 Milliarden Umsatz zu der Zeit, paar tausend Mitarbeitende.

[48:34] Und Amazon hört halt da auf, wo du Menschen inspirieren musst, das ist bei Kleidung oder bei Möbeln das ähnliche und Möbel haben halt noch auch die Komplikation, dass du im Zweifel halt ein Two-Man-Handling, also du kannst ein Sofa, kannst du nicht ins Amazon-Paket packen, sondern im Zweifel musst du eine Spedition machen. Das war eine Nische und die besetzt Welfare weiterhin sehr gut. Und meine Rolle war da tatsächlich zu verstehen, wie können wir also den deutschen und englischen Markt, aufbauen und englische markt wie oft bei amerikanischen unternehmen hat zwei vorteile, als der sehr ähnlich was die sprache betrifft und b gibt es keine oder ganz wenig möbelproduktion das heißt auch in usa ist das ganze thema da gibt es sehr viel wird aus brasilien und aus asien gesforst und das heißt die sachen werden transportiert in deutschland ist das prinzip so dass die großen möbelbauer machen da bestellt der größte größen deutschland möbelhäuser bestellen dann quasi ein LKW voll mit Betten. Ja, und da werden dann 100 Betten reingepackt und die sind halt nicht lieferfähig verpackt und die gehen dann zum Möbelhaus. Der Möbelhaus gibt dann das Bett im Zweifel dem Kunden, der Kundin mit oder bringt es selber dorthin. Und da so ein Dropship aufzubauen war total spannend, den Leuten zu erklären, ihr müsst die Verpackung machen und wenn dann so ein Schrank acht Packteile hat und die wickeln halt Folie drum, dann könnt ihr euch vorstellen, wenn das in so einem DHL-Lieferwagen sitzt, wie das dann beim Kunden ankommt. Meine Rolle war genau das quasi aufzubauen für den europäischen Markt.

[50:00] Das war total spannend. Also wir waren, glaube ich, sehr erfolgreich. Die Fähre später hat Wave, glaube ich, zehnstellige Umsätze gemacht in Europa. Und das Team in Europa ist auch auf über zweieinhalbtausend Leute gewachsen. Also wir haben sehr viel Geld bekommen aus den USA. Aber es hat tatsächlich sehr, sehr gut funktioniert, besonders in der Corona-Zeit. Es ist tatsächlich auch sehr geboomt. Ja. MARKUS TRANTOW Warum bist du heute nicht mehr bei Wayfair? MARKUS TRANTOW Ich glaube, es gibt zwei Gründe. Der erste Grund ist, wir haben sehr, sehr viele Kolleginnen geheirat, die aus der Beratung kamen. Und ich habe ganz viele tolle Kolleginnen kennengelernt. Aber was da passiert ist, ist, dass wir halt in unseren Quarterly Business Meetings von irgendwie 100 Slides auf dreieinhalbtausend Slides gewachsen sind und dass wir…, Eigentlich dahin zurückgekommen sind, was ich gehasst habe. Und zwar haben wir jedes Quartal, haben richtig viele schlaue Menschen Pläne gemacht fürs nächste Quartal. Und wenn die Pläne verabschiedet wurden, ging es wieder los, neue Pläne zu machen auf tollen Folien, was im nächsten Quartal passiert.

[51:05] Und heute, also Wave hat ja jetzt auch schon ein paar Layoff-Runden, sind glaube ich unter 1000 Mitarbeitende mittlerweile und nicht mehr zweieinhalb. Heute sehe ich, dass sie Dinge machen, die wir damals angefangen haben, weil du halt nicht, ich glaube, die Komplikation ist noch, dass es ein amerikanisches Unternehmen ist und der deutsche Markt so different ist zum amerikanischen und englischen Markt, dass es ganz schwer war, das zu verstehen. Aber ich glaube, das, was das Unternehmen in der Wachstumsphase am langsamsten gemacht haben, war tatsächlich auch da nicht einen Weg zu gehen, sondern immer wieder zu iterieren und zu versuchen, wir machen es nochmal neu. Und auch da redest du mit Menschen auf der anderen Seite, die Hersteller, die sagen, okay, soll ich jetzt selber verpacken oder wollt ihr es verpacken oder schickt ihr mir die Verpackungsmaterialien oder soll ich die selber besorgen? Und da halt ständig was zu verändern, sorgt halt nicht für Vertrauen und hat halt einfach, war einer der beiden Treiber, die mich dann irgendwie, ne, Helpling beschrieben und auch in anderen Situationen immer dazu bewogen hat, zu hören, da fragen sie, ist das das Richtige? Und dann bin ich in der Zeit auch einfach sechs Monate im Jahr gereist und die Geschichte schon ein paar Mal erzählt, ich saß halt irgendwie in Boston im Hotel, als mein Sohn laufen gelernt hat. Und das war dann so für mich, ne, wie gesagt, so, ich komme aus der Familie, irgendwie Schlüsselkind und ich habe sehr früh in meinem Leben verstanden, ich möchte halt, da sein als Vater, ich möchte irgendwie auch ein anderes Familienbild haben und möchte nicht der sein, der immer weg ist und, das hat mich total.

[52:31] Erwischt. Ich habe in dem zu der Zeit auch ein Coaching gemacht. Der Coach hat mir damals The Concept of Spiral Dynamics empfohlen. Da geht es darum, dass Menschen zwischen 35 und 45 irgendwann überlegen, was mache ich eigentlich mit dem erworbenen Skillset? Kann ich irgendwo mit dem Skillset, das ich gelernt habe, was dazu beitragen, dass die Welt ein bisschen besser wird? Oder optimiere ich einfach mein Bankkonto? Und in der Fragestellung war ich in dem Moment, als ich quasi auf dem iPad zugucken durfte, musste, musste, wie mein Sohn laufen gelernt hat. Und das hat mir halt tatsächlich so ein bisschen die Beine unter den Füßen weggerissen. Und dann habe ich einfach sehr konsequent und sehr schnell einfach das Gespräch gesucht und gesagt, ich möchte raus. Genau. Das ist kurz und schmerzlos. Aber es war halt so zwei, einmal das ewige Thema für mich und das andere war halt dann sehr persönlich, eine sehr persönliche Situation. Du dachtest dann, weit weg ist nicht gut, nebenan ist besser. Es tut mir leid. Ich komme von diesem Wortwitz gar nicht weg. Du bist dann aber tatsächlich in ein Unternehmen gegangen, in dem du jetzt mittlerweile der Geschäftsführer bist oder der CEO bist. Insofern nagst du nicht im Hungertuch, also das, was du gerade gesagt hast, dass du dich fürs Bankkonto oder für einen bestimmten Purpose entscheiden musst, die Welt zu verbessern. Jetzt ist nebenan ja aber auch ein Unternehmen, das tatsächlich eher einen sehr gesellschaftlichen, ich will nicht sagen Auftrag verfolgt, aber wenn nebenan erfolgreich ist, geht es vielen Menschen gut.

[54:01] Ich vermute, du hattest mehr als nur dieses eine Angebot auf dem Tisch zu der Zeit. Was hat dich ja nebenan gereizt? Genau, ich hatte den Kopf noch gar nicht richtig aus dem Wasser gehoben und bin dann, wie auch da, wie auch zuvor immer, über Netzwerk zu Christian und Till und Ina gekommen, den Gründern. Christian Vollmann, Till Wink und Ina Remmers. Genau, richtig.

[54:25] Was haben die damals gesucht? Die haben jemanden gesucht, der hilft, dabei zu verstehen, wie können wir Geld verdienen mit der Plattform. Das ist nicht schlecht. Ja, genau. Genau. Und wir haben, was mich gereizt hat, war tatsächlich, ich war ein Nutzer schon vorher. Also das finde ich immer ganz spannend, auch jetzt, wenn wir BewerberInnen haben und die sagen, und ich frage die, ob sie sich angemeldet haben und die sagen nein. Also ich finde es nicht schlimm, wenn man uns nicht nutzt, aber wenn man sich bei uns bewirbt, dann finde ich es irgendwie cool, wenn man irgendwie eine Idee hat, wofür man sich bewirbt. Und ich war tatsächlich schon Nutzer und habe auch schon den Marktplatz genutzt und auch schon mal einem Nachbarn geholfen. Und was mich gereizt hat, war eigentlich die Vision zu sagen, ich muss nicht nach Purpose suchen in meiner nächsten Rolle, sondern ich habe per Job und per Produkt, das wir haben, habe ich den Purpose jeden Tag. Wir machen halt und egal, wo man bei uns arbeitet, jeder trägt jeden Tag dazu bei, dass wir das Menschen miteinander Gutes tun und Gutes erleben können. Und das war tatsächlich das, was mich total gereizt hat. Also auch zu wissen.

[55:29] Die auch damals, ich durfte damals den CEO von Burda schon kennenlernen, Hubert Burda Media ist dort investiert und mittlerweile sind wir quasi eine Tochter von Hubert Burda Media und die Vision zu verstehen, wirklich was Nachhaltiges, Langfristiges aufzubauen, dass die Welt verbessert, war was, was mich total gereizt hat und da Teil davon zu werden. Und auch die Menschen, die nebenan die Ehe gegründet haben, mit denen zu arbeiten, war auch etwas, was ich total inspirierend fand. Christian, braucht man nicht sagen, hat viele volkreiche Unternehmen aufgebaut und hat sich sehr stark dem Purpose verschrieben oder der Sache, die Welt besser zu machen, auch jetzt mit C1Care, was er macht. Also da die Dekarbonisierung voranzutreiben. Till, der vorher Better Place gegründet hat. Ina, die auch den Verein für die Organspenden hat und so. Also da gibt es einfach ganz, da waren einfach Menschen, die einfach irgendwie das gefühlt ihre Karriere nicht darauf ausgerichtet haben. Auch vorher nicht irgendwie schneller, schneller, weiter, höher, sondern wirklich auch schon sehr stark Purpose getrieben. Und einfach, das hat mich sehr inspiriert und da wollte ich Teil von sein. Jetzt bist du seit zehn Monaten, wenn wir das hier aufnehmen, alleiniger Geschäftsführer von nebenan und hast, wie du es ja gerade auch schon beschrieben hast, kein so leichtes Erbe angetreten, weil diese drei Menschen, die dich geholt haben, mittlerweile nicht mehr im Unternehmen sind und den Staffelstab an dich weitergegeben haben.

[56:55] Was glaubst du, oder anders, was möchtest du deinem Kollegen in der täglichen Arbeit geben? Weil du gerade gesagt hast, diese drei Menschen haben dich inspiriert. Und wahrscheinlich nicht nur dich, sondern eben auch die anderen Mitarbeitenden von nebenan. Was glaubst du, kannst du als Geschäftsführer besonders gut? Das ist eine Frage, die ich mir sehr oft stelle. Es sind ja schon auch für mich große Fußstapfen, in die ich dann getreten bin.

[57:22] Und ich glaube, dass wir mit nebenan.de noch lange nicht fertig sind. Ich glaube tatsächlich daran, was ich unseren Kolleginnen und Mitarbeitenden geben kann, ist ein Blick nach vorne, wie ich glaube, dass wir ein Teil der Lösung für ganz viele gesellschaftspolitische Probleme noch werden können. Wir sind heute noch nicht ganz so groß, dass wir das flächendeckend für die Bundesrepublik sind, aber in Berlin, jeder vierte Berliner Haushalt ist bei uns angemeldet und für die anderen Großstädte ist es genauso, sehen wir schon jeden Tag, dass wir quasi, dass Dinge total gut passieren. Und unsere Vision ist tatsächlich, dass wir es schaffen, gerne auch zusammen mit der Politik so eine Art digitales Rückgrat der Gesellschaft zu werden, auf der dann, wenn ich über Pflege, über Einsamkeit, über ganz viele Themen nachdenke, die uns sehr stark in den nächsten Jahren beschäftigen werden, diese Dinge durch nebenan.de zu ermöglichen, die es heute nicht gibt und die wir aber unbedingt brauchen als Gesellschaft. Das ist so ein Thema, mit dem wir tatsächlich die Menschen für uns gewinnen. Aber ich sage immer, wenn ich auf unsere Mitarbeitenden schaue, die wollen eine transparente Kommunikation, die wollen Klarheit, die wollen nicht 100 Dinge gleichzeitig machen, sondern wissen, was sind die drei Themen, die wir voranbringen wollen. Und da glaube ich, kann ich sehr gut sagen, wir machen dieses Thema und wir machen es auf mein Jahr und ich wechsle nicht alle drei Monate. Also das ist eine der Sachen, die ich mitgeben kann.

[58:41] Wir haben sehr viel auch, was People Development betrifft, im letzten Jahr eingeführt. Ja, wir treffen Entscheidungen weniger aus dem Bauch und sehr datengetrieben, also wir haben schon sehr viele Dinge verändert, die auch, glaube ich, von den Mitarbeitenden sehr positiv aufgenommen werden, was man auch, wir machen auch Pulse-Surveys, also wir fragen auf verschiedenen Ebenen, wie glücklich seid ihr mit eurer Rolle persönlich, wie schaut ihr aufs Unternehmen und die sind tatsächlich auf einem gleichbleibend hohen Niveau auch schon mit und ohne, also auch vor der Zeit der GründerInnen oder während der Zeit und auch jetzt. Also das macht mich persönlich stolz, auch wenn ich natürlich merke, ich kann nicht das, ganzheitlich abbilden, was auch gerade Ina und Till, mit denen ich ganz viel gearbeitet habe in den letzten Jahren, sehr eng.

[59:27] Mein Anspruch darf nicht sein, das eins zu eins abzubilden, sondern ich versuche halt, das Bestmögliche für uns als Unternehmen so zu machen, dass alle wissen, wo geht's lang, was kann ich dazu beitragen und wie kann ich glücklich sein, damit das beizutragen. Das ist eigentlich so das, was ich versuche. Nebenan ist ein profitorientiertes Unternehmen und du hast aber trotzdem gerade über sehr stark darüber gesprochen, welchen gesellschaftlichen Mehrwert nebenan leistet und vielleicht ist das Wort trotzdem in dem Kontext auch total irreführend und auch nicht zweckdienlich. Ich stelle mir so ein bisschen die Frage, ob es leichter ist, Menschen für ein Unternehmen wie nebenan zu gewinnen als Mitarbeitende, weil ihr eine so tolle Mission habt, mit der man sich ganz schnell und sehr leicht, identifizieren kann oder ob es besonders schwer ist, Menschen, hochqualifizierte Menschen für nebenan zu gewinnen, weil sie glauben, dass man jetzt mindestens in Deutschland so ein bisschen dieses Stigma hat, wenn man etwas Gutes tut, dass man damit eigentlich gar kein Geld verdienen darf.

[1:00:27] Genau. Das ist eine total berechtigte Frage, weil auch das treibt uns um. Das sind ja zwei Fragen. Einmal darf man etwas gut im Geld verdienen. Und das war damals eine bewusste Entscheidung der GründerInnen zu sagen, wir gründen eine GmbH und nicht eine G-GmbH, weil die größere Gefahr ist, dass man ständig von Fördergeldern abhängt. Und wenn Fördertöpfe leer werden oder sich verändern oder Förderrichtlinien sich verändern, dann hat man sehr schnell ein Problem. Wir sind heute 130 Mitarbeitende, das heißt der Weg zu sagen, wir suchen Investoren und haben dann aber auch mehrere Jahre im besten Fall Luft, um unsere Plattform und auch das Businessmodell dahinter zu entwickeln, ist gut. Die Frage nach Talent und das ist natürlich, wenn wir ein soziales Unternehmen for profit sind, ist natürlich so, dass wir nicht die Gehälter zahlen, die ich auch selber jetzt aus meiner W4-Zeit gewöhnt bin. Ich meine, der Markt hat auch in den letzten Jahren, also wenn ich schaue, wie ich vor 15, 20 Jahren eingestiegen bin und was wir für Gehälter auch noch in der Rocket-Zeit gezahlt haben zum Vergleich, was heute im Markt ist mit Menschen, die zwei, drei Jahre Berufserfahrung haben, dann ist das schon sehr spannend.

[1:01:38] Zu beobachten, um nicht zu sagen, teilweise für uns nicht stemmbar. Das heißt, ich würde heute sagen, dass ein Großteil unserer Mitarbeitenden für 20, 30 Prozent einfach für die Sache arbeiten. Jeder von den Menschen, die bei uns arbeiten, steht für nebenan der auf, weil er, sie wissen, das, was ich mache, trägt dazu bei, dass es diese Plattform gibt, auf der jeden Tag tausende tolle Dinge passieren.

[1:02:01] Und trotzdem müssen wir natürlich auch schauen, dass wir halt sagen, wenn wir Menschen wollen, die uns die uns besser machen als Team. Und ich glaube immer, ich glaube daran, dass es tatsächlich ... Ich glaube, Reed Hastings sagt es immer, dass man auch ein Unternehmen, auch ein Unternehmen wie wir es sind, tatsächlich ein bisschen wie eine Sportmannschaft sehen muss. Er sagt immer, in der Familie schmeißt man keinen raus. Und es ist immer der hehre Wunsch, dass man sagt, und in einem Team muss man irgendwann entscheiden, wenn eine Person geht, finde ich jemanden, der noch besser auf diese Rolle passt. Und ich glaube, so eine Fußballmannschaft kann man schlecht irgendwie da ranziehen, Weil es ja im Endeffekt, es gibt halt keinen Sport, wo ständig neue Rollen und neue Herausforderungen passieren, sondern das ist ja sehr limitiert. Und halt auch die Mannschaft, die auf dem Feld ist, immer größer wird. Und trotzdem muss man halt schauen, haben wir die richtigen Menschen für die richtigen Rollen? Und wenn man halt sagt, man möchte professioneller werden und man möchte besser werden auf Themen und da muss man auch versuchen zu verstehen, wie, was ist das Gesamtgehaltsgefüge, das ich dann quasi angehen kann. Und da sind wir schon, haben wir uns schon deutlich verändert in den letzten zwei Jahren, würde ich sagen. Aber es ist immer noch so, dass wenn jetzt, sag ich mal, ein Wayfair kommen würde und würde eine Person, auf die wir uns bewerben, die sich bei uns bewirbt für eine gewisse Rolle, auch versuchen zu bekommen, dann ist Geld und Geld ist der entscheidende Faktor für die Person, dann würden wir immer verlieren. Genau. Mega gut, vielen Dank.

[1:03:27] Music.

[1:03:39] Ich habe wieder einen Kollegen dabei und dieses Mal jemanden, den ihr als fleißige HörerInnen von Lifeline schon kennt, nämlich Simon. Moin Simon. Hallo Sacha. Simon, du hast das Gespräch mit Philipp gehört. Du kennst auch Philipp aus der Zusammenarbeit. Und mich würde interessieren, welche Treiber von Philipp konntest du aus dem Gespräch destillieren?

[1:04:07] Ich habe drei Treiber herausdestillieren können, die alle mit F anfangen, und zwar Fairness, Familie und Fortschritt. Das wären die drei wesentlichen Treiber, die ich bei Philipp Witzmann sehen würde. War die Alliteration eine zwingende Voraussetzung? Nein, aber ein schöner Zufall. Obwohl, ich gestehe, einen Begriff habe ich dahin gedehnt, dass es gepasst hat. Das ist Fortschritt. Ich verrate aber nicht, welchen. Das ist Fortschritt. Nein, Fairness tatsächlich. Na gut, lass uns doch mal mit diesem Begriff starten. Was verstehst du in dem konkreten Fall unter Fairness? Unter Fairness verstehe ich Philips Gerechtigkeitssinn. Das ist, kann man jetzt sagen, wieso ist das bitte ein Treiber? Ich glaube, bei Philip ist das Stichwort Fairness und Gerechtigkeit ein ganz massiver Treiber. Ich habe immer noch diese Geschichte, die er auch dir erzählt hat im Podcast im Ohr, diese Anekdote aus der Schulzeit, als er sich gegen einen Lehrer aufgelehnt hat, der nicht ihn schlecht behandelt hat, sondern einen Mitschüler. Und dass er sich so dermaßen darüber aufgeregt hat und dann er Partei ergriffen hat und für diesen Mitschüler eingestanden ist, dass ich glaube, Philipp selbst die Tränen kamen und es für ihn eine ganz heftige Situation war. Und da ist aus ihm etwas herausgeplatzt, was ihn, glaube ich, sein ganzes Leben begleitet.

[1:05:31] Ein Streben nach Gerechtigkeit und Fairness, den Willen danach, dass es allen Menschen vielleicht nicht gleich gut geht, aber dass sie zumindest die gleichen Chancen haben und gleich behandelt werden. Und diese Schulanekdote ist für mich da exemplarisch und ich glaube, das spiegelt sich auch bis heute in seinem beruflichen Engagement wieder. Er ist ja Geschäftsführer von nebenan.de, also einer Plattform, die darauf abzielt, Gemeinschaft zu stärken und sozialen Zusammenhalt zu fördern. Und ich glaube, das ist ja nicht von ungefähr. Ja, ich verstehe schon, dass die Fairness wahrscheinlich eher ursprünglich der Gerechtigkeitssinn gewesen ist. Und du dann dachtest, ach komm, so eine Alliteration, die passt viel besser und hast dann wahrscheinlich Cheche Petit bemüht auf der Suche nach einem weiteren F. Lass uns über die anderen zwei Fs sprechen. Fortschritt und Familie, wenn ich mich nicht täusche. Such dir eins aus.

[1:06:26] Ich würde mit der Familie anfangen auch da rein biografisch begründet, weil das nun mal für ihn mit der Familie alles angefangen hat.

[1:06:37] Da würde ich sozusagen das gern zweiteilen. Einmal in Philips Familie, wo er aufgewachsen ist. Er ist ja als Kind einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, mit ihr dann auch umgezogen. Also in der ehemaligen oder damaligen DDR geboren, dann als Kind irgendwann Richtung Trier umgezogen. Und ich glaube, sein familiäres Leben war nicht immer einfach. Gleichzeitig glaube ich schon, dass Familie für ihn bis heute eben das Allerwichtigste ist, was es gibt. Und ich glaube auch, die Familie ist letztlich vielleicht sogar der maßgebliche Grund, warum er bei nebenan jetzt in seiner heutigen Rolle gelandet ist. Diese Priorität auf die Familie, dass das am Ende für ihn über allem steht. Und er hat das ja erzählt, wie er in den USA saß und auf dem iPad seinen Sohn bei den ersten Schritten beobachtet hat. und dann gemerkt hat, das kann es nicht sein. Das kann es nicht sein, meine Priorität ist eine andere Karriere hin oder her. Ich muss bei meiner Familie sein, ich möchte das miterleben. Ich möchte meine Kinder beim Aufwachsen begleiten und nicht nur beobachten. Und dann hat er sich ganz aktiv entschieden, einen anderen Job anzunehmen. Nicht nur aus diesen Gründen, aber auch aus diesen Gründen. Glaubst du, er hätte auch in einem anderen Unternehmen in Berlin, in der Nähe seiner Familie seine Bestimmung so sehr finden können, wie er es jetzt bei nebenan gefunden hat?

[1:07:57] Ich glaube, nein. Weil auch hier spielt die Familie eine Rolle. Ich glaube, er möchte auch etwas tun, was diese Welt zumindest nicht schlechter macht, sondern vielleicht sogar ein kleines bisschen besser. Aber es ging jetzt nicht nur darum, einen Job in Berlin zu haben, sondern auch etwas zu tun, was eine gesellschaftliche Wirkung hat und dazu führt, dass vielleicht unser aller Leben ein bisschen besser wird, zumindest die Gemeinschaft gestärkt wird und damit auch die Welt, in der seine Kinder groß werden, eine andere ist. Ich glaube nicht, dass Philipp jetzt glaubt, dass er maßgeblich die ganze Welt wird verändern können, aber ich glaube, er hat schon die Ambition und den Anspruch, das, was in seiner Macht steht, auch zu tun. Das, was definitiv in seiner Macht steht, ist Fortschritt, die auch in gewisser Weise mit nebenan zu gestalten. Das ist der dritte Treiber, den du destilliert hast. Wie interpretierst du ihn?

[1:08:49] Genau, ich glaube, er möchte Fortschritt gestalten. Ich glaube, sozusagen im ersten Schritt geht es ihm aber auch erstmal um persönlichen Fortschritt. Er hat, bevor er bei Nebenan war, in anderen Unternehmen Karriere gemacht, ist da schnell aufgestiegen, hat bei Vodafone im Vertrieb gearbeitet, ganz schnell Verantwortung für ein großes Team übernommen, hat dann, als die Lernkurve nicht mehr steil genug war, eine neue Herausforderung besucht bei Rocket Internet und diversen Rocket-Unternehmungen. Und da also auch immer mit dem Treiber einen persönlichen Fortschritt zu erzielen, eine Lernkurve zu haben.

[1:09:23] Und gleichzeitig mündet das jetzt in seiner jetzigen Rolle, wo es nicht nur darum geht, sich persönlich weiterzuentwickeln, sondern wie du gesagt hast, einen Fortschritt für alle hinzubekommen, indem er jetzt bei nebenan.de ist, bei einem Unternehmen mit einem klaren sozialen Auftrag und einer Arbeit macht, die einen klaren Sinn hat. Und zwar nachhaltige und zukunftsfähige Nachbarschaften zu entwickeln und letztlich auch ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Geschäftsmodell dahinter, das über den bloßen wirtschaftlichen Erfolg hinausgeht. Ich finde es ja sehr spannend, ich meine, nebenan, der ist ein Social Network und im Kontext von Social Networks kennt man ja sehr, sehr viel über Technologie und künstliche Intelligenz sprechen. Wenn ich über Philipp öfter mal zuhöre oder ihn auch beobachte, dann spricht er ja relativ häufig über Gemeinschaft und Einsamkeit, als Gegenpole und versucht ja letztlich auch, mit seiner Arbeit, mit seinem Unternehmen genau diese Gegenpole aufzuheben, was ja nun irgendwie nicht wahnsinnig technisch innovativ klingt, was dann aber vielleicht eben genau die Innovationskraft von einem eigentlichen Zwischennetzwerk sein müsste, oder?

[1:10:31] Also ich glaube, er ist technologieaffin. Er hat in sein ganzes Leben in Technologieunternehmen gearbeitet und hat da eine große Affinität zu. Und ich glaube auch, dass nebenan technologisch vorne ist und weit vorne ist und jetzt nicht irgendwie ein altertümliches Netzwerk ist. Ich glaube aber, für Philipp ist diese Technologie Mittel zum Zweck. Für ihn ist es ganz wichtig, mit digitalen Tools und allen digitalen Möglichkeiten, die wir haben und die da kommen werden, Brücken ins echte Leben zu schlagen. Und dann sind wir auch schon wieder bei der Einsamkeit. Er hat schon die Sorge, darüber haben wir auch gesprochen, dass zum Beispiel durch KI und die Fortschritte dort es für viele Menschen, immer bequemer und naheliegender wird, gar nicht mehr vor die Tür zu gehen und sich im Zweifel nur noch mit ihrem KI-Chatbot und Lebensbegleiter zu unterhalten. Und da sieht er schon Gefahren und da möchte er gegenwirken. Er möchte Technologie so einsetzen, dass sie echte Menschen in Verbindung bringt und echte Begegnungen schafft. Simon, vielen Dank dir und vielen Dank euch, die ihr zugehört habt. Wir freuen uns auf euer Feedback. Ihr könnt uns und mir gerne schreiben, gerne per E-Mail unter sacha.hyper.agency oder auch auf LinkedIn oder wo ihr mich auch sonst findet. Und ansonsten freuen wir uns natürlich über eine positive Bemerkung auf Spotify oder wo auch immer ihr seid.

[1:11:48] Music.

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